„Manchmal erkennt man unsere Stärken nicht auf den ersten Blick.“
Vaiana
Ein Freitagmorgen voller Nervosität: Die Noten der Zwischenzeugnisse, die für Jugendliche fast wichtigere Anzahl der geschenkten Rosen am Valentinstag und dann auch noch das angestrengte übrige Pflichtprogramm in der Schule. Doch ab der vierten Stunde interessierte das alles niemand mehr – die wahre Magie galt am 14. Februar dem Kino und Disney.
Die jungen Schülerinnen und Schüler gingen bei kalten Temperaturen nach der Pause um ca. 10:45 Uhr in das Starlight-Kino und wischten sich erst einmal ihren Atem von den Brillengläsern. Im Foyer des Kinos setzte sich die aufgeregte Stimmung fort: Die Schlange am Getränke- und Süßigkeitenverkauf des kleinen Kinos war ein kleines Chaos aus Jacken, Rucksäcken und Ungeduld.
Ein Mädchen mit einem rosafarbenen Schal zählte konzentriert Münzen ab und hielt gleichzeitig entschlossen ihren Platz in der Schlange. Vor ihr zögerte ein Junge, der sich einfach nicht entscheiden konnte, ob er Pringles oder Schlumpf-Gummibärchen nehmen sollte. Aber dann endlich: Kein Mathe oder Deutsch, sondern der weiche Kinosessel, Polynesien und Abenteuer. Licht aus, Kopf aus. Der Film? An. Alles andere? Egal.
In dieser erwartungsvollen Atmosphäre entfaltet sich die Handlung, die drei Jahre nach dem ersten Teil ansetzt. Vaiana ist mittlerweile 19 Jahre alt und entwickelt sich vom abenteuerlustigen Teenager zur respektierten Anführerin ihres Volkes. Das war ein wichtiger Reifeprozess: Während sie im ersten Teil noch nach persönlicher Freiheit und Selbstfindung strebte, musste sie nun lernen, Verantwortung für andere zu übernehmen.
Ein mysteriöser Fluch des Sturmgottes Nalo drohte nämlich die Inselvölker für immer voneinander zu trennen. Die einzige Lösung schien eine gefährliche Reise zur versunkenen Insel Motu Fetu zu sein. Anders als im ersten Teil, in dem Vaiana aus jugendlichem Übermut handelte, war sie sich nun der echten Gefahren bewusst: Die Angst, ihre Familie zu verlieren, und die Last der Verantwortung wogen schwer auf ihren Schultern.
Die Vielschichtigkeit der Handlung zeigt sich nicht nur in der kunstvoll animierten Darstellung der Meereswellen, sondern auch in der tiefgründigen spirituellen Ebene der Erzählung. Der Ozean ist nicht bloß eine Ansammlung von Wasser, sondern eine lebendige, göttliche Kraft, die Vaiana als Auserwählte schützt und leitet. Diese Verschmelzung polynesischer Traditionen mit animistischen Glaubensvorstellungen und monotheistischen Elementen verleiht der Handlung eine beeindruckende Tiefe.
Gleichzeitig begeisterte der Film durch seine spektakulären visuellen Effekte: Glitzernde Wellen, funkelnde Sternenhimmel und eine beeindruckende Detailgenauigkeit schufen eine Atmosphäre, die für die Kinder und Jugendlichen nahezu magisch wirkte. Der Film balanciert zwischen Spannung und Humor, lässt einen mitfiebern und gleichzeitig immer wieder aufatmen.
Der Höhepunkt erreichte uns in jenem schicksalhaften Moment, als Vaiana mutig in die Tiefen des Ozeans hinabtaucht und dabei alles auf eine Karte setzt. Als sie mit mysteriösen neuen Tätowierungen zurückkehrt, deutet dies möglicherweise ihre Verwandlung zur Halbgöttin an. Die Botschaft war klar: Wahre Stärke zeigt sich nicht in äußerem Mut, sondern in der Überwindung innerer Zweifel.
Am Ende war es mehr als nur ein Abenteuer voller guter Songs. Der Film griff tiefere Themen auf – Fragen nach Identität, Verantwortung und dem Wert des kulturellen Erbes. Die Geschichte von Vaiana 2 zeigt, dass das Erwachsenwerden oft bedeutet, eigene Wünsche zugunsten der Gemeinschaft zurückzustellen. Am Ende blieb die Botschaft des Films hängen: Mutig sein heißt nicht perfekt sein. Vielleicht werden einige dieser Schülerinnen und Schüler eines Tages selbst wie Vaiana handeln müssen – oder zumindest versuchen, nicht wie Heihei durch das Leben zu stolpern.
Marcel Proksch